15.30 Uhr. In einem kleinen Raum in der Hamburgischen Staatsoper werden drei Frauen Teil einer Verwandlung. Angespannt und dabei ganz leicht geht sie vor sich, als plötzlich eine Art Mikrowellengeräusch ertönt. Verwundert blicke ich mich um. Ein Paar Spitzenschuhe liegt in einem großen Haartrockner. »Thats my shoes!« Hélène lacht.

Heute, am Mittwochabend, wird zum zweiten Mal nach der Wiederaufnahme »Die kleine Meerjungfrau« in der Hamburgischen Staatsoper aufgeführt. Seit der Premiere in Hamburg, im Juli 2007, hat sich die kleine Meerjungfrau viele Male auf der Bühne zum Menschen verwandelt. Eine Verwandlung, die Unmengen an Kraft fordert und zugleich in tänzerische Leichtigkeit übertragen werden soll. Damit die Meerjungfrau auf der Bühne ihre rauschenden Bewegungen zu denen eines einsamen Mädchens werden lassen kann, muss vor der Aufführung hinter der Bühne ein Mensch zur Meerjungfrau werden.
Drei Stunden vor Beginn der Vorstellung treffe ich Hélène Bouchet, erste Solistin des HAMBURG BALLETT, in einem kleinen Raum, voll mit Make Up, Lippenstiften, Wimperntusche und Perückenmodellen. Entspannt bewegt sie sich in dem Raum und niemand hier ist in so hektischer Stimmung, wie ich es mir vor einer so großen Aufführung ausgemahlt hatte. Das Grau der Flure und Treppenhäuser, die ich auf dem Weg hierher hinter mir gelassen habe, sind wie verflogen. Bei Hélène ist Lydia Hauser, gelernte Maskenbildnerin des HAMBURG BALLETT. Sie ist für die Solistinnen des HAMBURG BALLETT zuständig, macht ihnen die Haare, knüpft alle Perücken und Haarteile selbst. Sie ist dabei, wenn sich die Tänzerinnen auf ihren großen Auftritt vorbereiten.

Als sich Hélène vor einen großen Spiegel setzt, beginnt die Metamorphose. Ganz langsam geht sie los. Zunächst verliert ihr Haar an Volumen, wird streng am Kopf zusammengebunden. Lydia und sie sind perfekt aufeinander eingespielt. Als Lydia eine Krone mit Haarteilen in Hélènes Haar steckt, ergänzt sich jeder Handgriff der beiden. Eine unglaubliche Gelassenheit und Ruhe geht von ihnen aus. Ich frage mich, wie das bei all dem Druck, der als Solistin auf einem haften muss, möglich ist.
»Ich komme immer sehr früh hier in die Maske. Ich nehme mir viel Zeit mich für die Bühne fertig zu machen und kann so sichergehen, dass alles seine Ordnung hat. Die Zeit in der Maske hilft mir bei meiner Verwandlung. Sie hilft mir zu verstehen, dass ich für die nächsten paar Stunden keine Frau mehr bin. Dadurch werde ich zur Meerjungfrau.«
Die Maske für die »Kleine Meerjungfrau« ist aufwendiger als bei den meisten anderen Ballettstücken. Denn sie dient der Tänzerin nicht nur als Hilfestellung sich in die Rolle der Meerjungfrau hineinzuversetzen. Wie bei einer Art Ritual hilft der Aufenthalt in der Maske Hélène zur Ruhe zu kommen und sich Schritt für Schritt der Wasserkreatur zu nähern. »Wenn ich in die Maske komme, fange ich an, mir über meine Rolle Gedanken zu machen. Ich denke an das Ballett und gerate langsam in eine andere Welt.« Angst, sich hinter der Maske zu verlieren hat die Französin jedoch nicht. »Natürlich muss ich die Meerjungfrau verstehen, um ihre Rolle zu tanzen. Die Maske erleichtert mir das. Trotzdem bleibe ich ein Teil des Ganzen, der seine Gefühle in die Rolle hinein projiziert. Ich denke, auf der Bühne bin ich Mensch und Kreatur gleichzeitig.«
Mittlerweile ist Hélène aufgestanden, um mit Hilfe einer großen Palette an Theaterfarben und Lidschatten ihr Gesicht zu verwandeln. Mit kritischem Blick zieht sie akkurate blaue Linien über ihr weiß geschminktes Gesicht. »Wie alle anderen Tänzerinnen schminkt sie sich selbst. Da sind die Frauen etwas selbstständiger als die Tänzer«, erzählt Lydia. Während wir uns unterhalten, lässt sich Hélène nicht ablenken. Sie ist völlig auf ihr Spiegelbild fixiert, welches ein Wesen zeigt, das mit dem Element Erde nur noch wenig gemein hat. Nur ihre feinen Bewegungen lassen die Tänzerin in ihr vermuten. Als sie fertig ist frage ich sie, ob sie auf der Bühne nicht um ihre Maske besorgt ist. »Wenn ich tanze vergesse ich, dass ich eine Maske trage. Ich vergesse alles um mich. Manchmal hebe ich meinen Arm in einer Bewegung und plötzlich merke ich, dass da eine Krone in meinem Haar sitzt. Das Stück fordert soviel von mir, dass ich nach einer Weile noch nicht einmal mehr sehe. Erst am Ende, wenn alles vorbei ist, fange ich wieder an zu denken.« Hélène ist fertig und die anderen Tänzerinnen kommen, um sich für das Stück vorzubereiten. Zeit für sie, sich zum Aufwärmen zurückzuziehen und für mich, zu gehen.
19.30 Uhr. Im großen Saal der Hamburgischen Staatsoper werden über 1600 Menschen Teil einer Verwandlung. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich tatsächlich glauben, dass Hélène in ihren so fließenden und andersartigen Bewegungen auf der Bühne erst zum Menschen wird. Der Applaus am Ende des Stücks kennt kein Ende. Hélène strahlt.