verfasst von Anna Schwan
Manchmal fühle ich mich in China wie im Film „Lost in Translation“. Es ist nicht einfach, die Bühne für die Ballette aufzubauen und die Technik zum Funktionieren zu bringen, ohne ein Wort Chinesisch zu sprechen. Natürlich haben wir Übersetzer, die uns helfen. Aber da geht viel Kommunikation verloren. Ein Bühnenaufbau dauert deshalb hier viel länger, als in Hamburg. Im Beijing war es besonders schwer überzubringen, was wir wollten. Denn nicht nur die Sprache, auch die Art der Kommunikation ist bei uns ganz anderes, viel direkter. Das hat schonmal zu weinenden Übersetzerinnen geführt. Damit muss man erstmal umgehen können.
Mariana Zanotto, Solistin und Miljana Vracaric, Gruppentänzerin – Beste Freundinnen
verfasst von Anna Schwan
Wir machen so viel zusammen, dass die Leute sogar unsere Namen verwechseln. Ständig heißt es Mili, Mari, Mili, äh nein Mari. Aber wir haben uns inzwischen daran gewöhnt. Schließlich kennen wir uns schon seit mehr als acht Jahren. Damals gingen wir noch in die Theaterklassen der Ballettschule. Richtig angefreundet haben wir uns aber erst, als wir beide im Ensemble waren. Und inzwischen sind wir beste Freunde. Klar, dass wir deshalb auch auf Tournee ständig zusammen etwas unternehmen. Wir haben einfach die gleichen Interessen, uns sind die gleichen Dinge wichtig. Zwar kommen wir aus ganz unterschiedlichen Ländern, Serbien und Brasilien, aber die Milieus, in denen wir aufgewachsen sind, waren trotzdem ähnlich.
Ondrej Rudcenko – Ferner Vater
von Ondrej Rudcenko, Pianist beim Hamburg Ballett,
verfasst von Anna Schwan
Die China-Tournee begann für mich mit einem Schock, einem positiven Schock. Am 22. Januar, unserem ersten Tag in Peking, wurde mein Sohn geboren. Zwar hatte ich mich schon darauf eingestellt, dass ich bei der Geburt nicht dabei sein würde, weil ich auf Tournee bin, aber dass es so schnell ging, hätte ich nicht gedacht. Stichtag war erst der 4. Februar. Das Schlimmste für mich ist, dass ich bis heute nicht mit meiner Frau sprechen konnte und auch noch kein Foto von meinem Kind gesehen habe – solange sie im Krankenhaus sind, können sie nicht skypen und mein Telefon hat keinen Kredit für so teure Ferngespräche. Ich musste mich bislang auf Textnachrichten beschränken. Das ist nicht leicht. Weiterlesen
John Neumeier: China ist mir nah
Der erste Eindruck dieser Chinatournee, gestern, kurz nachdem ich aus San Francisco gelandet bin, war ein sehr schöner: Eine Einladung zum Mittagessen. Ein Mittagessen, ein Business-Lunch noch dazu, das mag wenig aufregend klingen. Aber gestern war Sonntag. Der erste Tag des Chinesischen Neujahrsfests, des wichtigsten Fests des chinesischen Kalenders. Es ist das größte Familienfest des Landes, jeder Chinese besucht seine Verwandten, das ganze Land ist in Bewegung. An einem solchen Tag zum Essen eingeladen zu werden, das zeugt von sehr großer Wertschätzung. Ich hatte das Glück mit Madame Feng zu essen, der Direktorin des Chinesischen Nationalballetts. Wir haben uns während der letzten Tournee nach Beijing im Jahr 2010 kennengelernt und seitdem eine enge Zusammenarbeit unserer beiden Compagnien etabliert. Und so sprachen wir über unsere nächsten Projekte, über die Tournee und darüber, wie sich China als Tanzland verändert.
Unbezahlbare Momente
Anna Schwan, Leiterin Presse und Kommunikation
Drei Wochen China. Das bedeutet für mich: Seit November treffe und emaile ich mit dem Auswärtigen Amt, stimme mich mit der Deutschen Botschaft in Peking und den Generalkonsulaten ab, mit dem Hamburg Liaison Office, mit den PR-Abteilungen der Theater, in denen wir auftreten. Ich verfasse Pressemitteilungen und gebe fremde frei, versende Pressebilder, koordiniere Pressetermine. Denn schließlich soll China so viel wie möglich über uns erfahren. Bislang habe ich zehn Interviews mit John Neumeier angesetzt, einen Fototermin, eine Pressekonferenz. Hinzu kommen ein Kamerateam aus Australien und mehrere Open Rehearsals, Durchlaufproben unserer Ballette, zu denen chinesische Jugendliche eingeladen werden.

Hong KongBlick auf Hong Kong Island von Kowloon aus (Anna Schwan)
Zu tun gibt es also genug. Aber Termine und Organisation sind nicht die Dinge, die hängen bleiben. Den Zauber einer Tournee machen die kleinen Momente aus. Wie zum Beispiel nach unserer ersten Nijinsky-Vorstellung in Peking, als das Publikum nicht aufhören wollte zu klatschen. Drei Vorhänge lang gab es standing-ovations, Bravos und Gefühle, die vom Publikum auf die Bühne strömten. In solchen Momenten wird deutlich, dass wir etwas in den Menschen bewegt haben, dass sie in den Stunden des Balletts etwas Neues entdeckt haben, das sie berührt. Das macht glücklich. Weiterlesen
And Christopher was on the front of the newspaper…
Christopher Evans © Stuttgarter Ballett
Die Ballettschule des HAMBURG BALLETT zu Gast in Stuttgart: Ein Interview.
Am 25. November feierte die John Cranko Schule ihr vierzigstes Jubiläum mit einer prächtigen Gala im Stuttgarter Opernhaus mit vielen internationalen Gästen. Auch die Ballettschule des HAMBURG BALLETT überbrachte ihre getanzten Glückwünsche. Eine Schülerin und drei Schüler aus der achten Klasse zeigten Ausschnitte aus John Neumeiers Ballett »Spring and Fall«. Wieder zurück im Hamburger Alltag, sprachen Aurore Aleman-Lissitzky (16, Französin), Christopher Evans (17, Amerikaner), Dale Rhodes (20, Brite) und Eliot Warrell (19, Brite) über ihre Eindrücke.
Die Fragen stellte Daniela Rothensee.
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Ma(h)lerische Momente – Die 193. Hamburger Ballett-Werkstatt
von Daniela Rothensee
Dank der durch die Zeitumstellung gewonnenen zusätzlichen Stunde Schlaf, fühle ich mich ausgeruhter als für Sonntagvormittage so üblich. Es ist der letzte Sonntag dieses sonnenscheinreichen Oktobers und es ist Ballett-Werkstatt: die erste dieser Spielzeit, die 193. seit der ersten Werkstatt vor 38 Jahren. Fast genauso lange ist es her, dass das Ballett, über das John Neumeier heute spricht, in Hamburg uraufgeführt wurde: Am 14. Juni 1975 hatte »Dritte Sinfonie von Gustav Mahler« damals Premiere. Heute spricht John Neumeier über die bevorstehende Wiederaufnahme.
Nach der Begrüßung nähern wir uns dem Ballett aber zuerst einmal über die Gattung und gehen dafür in der Geschichte des Tanzes zurück bis ins 19. Jahrhundert: »Dritte Sinfonie von Gustav Mahler« ist nämlich ein sinfonisches Ballett und das habe er, so Neumeier, natürlich nicht erfunden. Mein Notizblock befindet sich unnötigerweise in der anderen Handtasche. Die wiederum liegt ungünstigerweise zu Hause. Angestrengt versuche ich die Namen der Choreografen im Gedächtnis zu behalten. Von Salvatore Viganò ist die Rede und seinem 1801 entstandenen Ballett »Die Geschöpfe des Prometheus« zur Musik von Ludwig van Beethoven, danach von Michel Fokines »Les Sylphides« von 1907. Léonide Massine merke ich mir noch und Maurice Béjart, schalte dann aber meinen Kopf erst einmal aus und genieße die erste Tanzeinlage der Werkstatt: ein von Anna Laudere im weißen Tutu getanztes Solo aus »Les Sylphides«. Weiterlesen