Noch hat die 60. Buchmesse in Frankfurt offiziell gar nicht begonnen, da ist ein deutscher Autor bereits in aller Munde. Uwe Tellkamp. In den vergangenen Wochen wurde der 39 Jahre alte Autor aus Dresden bereits als Favorit auf den Deutschen Buchpreis, eine der wichtigsten Auszeichnungen für deutschprachige Literatur, gehandelt. Seit Montagabend nun ist es raus, was viele vermutet hatten: Tellkamp hat vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels für sein fast 1000 Seiten starkes, wortgewaltiges Epos “Der Turm” über die letzten sieben Jahre einer langsam zerfallenden DDR den Buchpreis 2008 bekommen.
Der Autor ist jetzt nicht nur um 25.000 Euro reicher, sondern hat auch gute Chancen, dass sein Buch als bester deutschsprachiger Roman des Jahres in mehrere Sprachen übersetzt und international verlegt wird. Außerdem wird er in den kommenden Tagen der Buchmesse wohl der deutschsprachige Autor sein, um den sich alle reißen. Als Preisträger wird man Tellkamp bei so manchen Lesungen und Diskussionen über sein prämiertes Buch erleben. Besucher der Buchmesse sollten sich schon einmal den Samstag, 14 Uhr, vormerken. Dann ist Tellkamp im großen Lesezelt zu Gast.
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Nichts gegen Uwe Tellkamp, aber ich frage mich schon, ob die ganze Buchpreissache nicht einfach ein großes Marketingrad ist, an dem jetzt viele mitdrehen und mitverdienen wollen. Bestsellerautor Daniel Kehlmann hatte in der F.A.Z. ja eine Breitseite gegen den Buchpreis abgegeben – der sei für die Schriftsteller eine “Quelle der Sorge und der Depression”. Kehlmann hat das Procedere der Preisverleihung mit einer Castingshow verglichen. Es würden kaum noch andere Bücher besprochen als die, die auf der Longlist stehen. Ganz unrecht hat er ja nicht. Oder ist es wieder mal typisch deutsch, so zu denken? Immerhin war der Roman der Preisträgerin 2007, Julia Francks “Mittagsfrau” wirklich ein ganz tolles Buch… Aber bis ich 1000 Seiten Tellkamp gelesen habe, wirds noch dauern. Hat jemand das Buch schon gelsen?
Mich beschäftigt besonders das allerletzte Zeichen, das Uwe Tellkamp am Ende seines Romans “Der Turm” gesetzt hat. Einen Doppelpunkt. Mutig, mutig.Will er die 1000 Seiten fortsetzen, oder soll es eine Aufforderung an andere sein? Wer setzt sich 20 Jahre nach dem Mauerfall damit auseinander und gibt Antworten auf die Frage, wie es sein kann, dass innerhalb von zwei Jahrzehnten ein so reiches, innovatives, hochentwickeltes Land wie die Bundesrepublik Deutschland es nicht fertigbringen konnte, für 1/5 seiner Landsleute die Lebensbedingungen anzugleichen, ja, die Entwicklung im Prozess der Vereinigung in mehreren Bereichen sogar zur vertieften Spaltung führt.
Wer hat den Ruf “Wir sind e i n Volk\” überhört? War es der “Bimbes”-Kanzler, der die blühenden Landschaften im Osten aus der Portokasse bezahlen wollte oder Altbundeskanzler Willy Brandt, der den Zug der deutschen Einheit zu schnell abfahren sah und nun hoffte, dass nicht allzuviele unter die Räder kämen?
Dieser weltgeschichtlich einmalige Vorgang, dass zwei souveräne Staaten mit völlig unterschiedlichen Gesellschaftssystemen sich vereinigten, wurde mit einem Einigungsvertrag ( “Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands”) besiegelt, der innerhalb eines Monats (!) zwischen dem politerfahrenen, cleveren Wolfgang Schäuble und dem unerfahrenen Politazubi Günther Krause aus dem Osten zusammengeschustert wurde. Von den 5500 vereinbarten Regelungen sind überhaupt nur 40% erfüllt worden. Die gut gemeinte Vorstellung, nicht mehr unter Zeitdruck -aber auch nicht erst 20 oder 30 Jahre danach! – das Vertragswerk aufzubessern ging alsbald inden Interessenssphären der Lobbyisten unter.
In Verbindung mit dem Einigungsvertrag entstand die von der DDR-Volkskammer geschaffene Treuhandanstalt mit dem Ziel, “die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern “(§ 8 des Treuhandgesetzes), und nach dem Übergang in (west)deutsche Hände errechnete Detlev Carsten Rohwedder einen möglichen Verkaufserlös aus der volkseigenen ostdeutschen Wirtschaft von 600 Md. Mark, aus denen dann vier Jahre später ca. 250 bis 300 Md. DM Schulden geworden waren. Mir Klischees ist das nicht zu beantworten.
Die von der westdeutschen Wirtschaft vorsätzlich betriebene Deindustrialisierung des Ostens ist leider nicht Vergangenheit. Im Juni d.J. beschreibt DIE ZEIT in enem Feuilleton den systematischen gezielten Verfall der ostdeutschen Verlagswesens in der Gegenwart (“Literatur auf der Resterampe”, DIE ZEIT, Nr.26).
Somit wäre es gut und notwendig, die wahren Gründe und Ursachen der fortbestehenden deutsch-deutschen Spaltung ans Licht zu bringen und mit den für unsere Politiker sehr angenehm zu lebenden Klischees aufzuräumen.
Das muss nicht unbedingt ein Sachbuch sein, sondern auch ein gut geschriebener Roman, dem die Sachlichkeit zugrunde liegt.
Uwe Tellkamp hat sich mit seinem Doppelpunkt am Ende des “Turms” selbst in die Pflicht genommen.