Die Arbeit in der Abteilung »Garderobe« in der Staatsoper
von Andrea C. Röber
»Wenn ich auf der Seitenbühne stehe und die Vorstellung großartig aussieht – das ist das Schönste für mich an meiner Arbeit. Ich genieße es, dass ich mich dieser reizvollen Herausforderung fast jeden Tag aufs Neue stellen kann. Denn schließlich ist jede Vorstellung anders und immer live. Nichts kann wiederholt werden,« schwärmt Isabel Koschani. Als eine der Garderobenmeisterinnen der Oper ist sie wie ihre Kolleginnen Susanna König und Barbara Huber vom Ballett gemeinsam mit ihrem Team von Ankleidern für die Kostüme jeder einzelnen Vorstellung verantwortlich. Eine große Herausforderung, denn jede Vorstellung muss auch bei der Kostüm-Ausstattung das Niveau der Premiere erreichen.
Die Mitarbeiter der Garderobe sorgen dafür, dass für die Vorstellung alle Kostüme passen, perfekt für die jeweilige Besetzung des Abends vorbereitet sind und während der Vorstellung alle »Umzüge« reibungslos laufen. Die Aufgaben der Garderobenmeister liegen vor allem in der Vorbereitung und in der Koordination. Gleichzeitig sind sie aber auch diejenigen, die bei Notfällen »löschen« müssen. Denn während einer Vorstellung sind alle Kollegen und Kolleginnen, die als Ankleider direkt in den Garderoben und auf der Bühne arbeiten, eingebunden. Fehlt etwas oder muss etwas ersetzt werden, können sie ihre Arbeitsplätze nicht verlassen.
Die Aufgaben der Garderobenmeisterin hängen auch davon ab, ob sie Frühdienst (bis ca. 17.30 Uhr) oder Abenddienst hat. Am spannendsten ist natürlich die Arbeit während der Vorstellung: Hier ist Präzision und korrektes Timing gefragt – egal, was passiert, »The show must go on.« und sollte dabei gut aussehen. Damit hier alles klappt, ist eine optimale Vorbereitung über den Tag jedoch unerlässlich. Unmittelbar vor und während der Vorstellung helfen die Mitarbeiterinnen der Garderobe den Künstlern bei den Umzügen. Sie sorgen dafür, dass sie alle Elemente des Kostüms korrekt tragen und nicht aus Versehen etwas vergessen – oder aber etwa versäumen, Teile ihrer normalen Kleidung auszuziehen bzw. Schmuck abzunehmen. Und sie passen auf, dass »ihre« Künstler rechtzeitig zu ihrem Auftritt fertig sind.
Die vorbereiteten Garderobenplätze und Kostüme der Rheintöchter in der »Götterdämmerung«. Auch der Bademantel zum Schützen und Wärmen hängt bereit. © Andrea C. Röber
Diese Aufgaben sind besonders kritisch, wenn Künstler zum ersten Mal in einer Produktion mitwirken: Sofern möglich, werden alle wichtigen Abläufe geprobt. Das betrifft jedoch oft nur das Geschehen auf der Bühne. Die Künstler wissen, wann und wo sie in einer Produktion auftreten und was sie auf der Bühne tun müssen. Oft wissen aber nur die Ankleiderinnen, welches Kostüm sie dabei tragen müssen und wie viel Zeit für den Umzug davor und danach bleibt. Manch eine Pause zwischen zwei Auftritten ist lang – da sitzen viele Künstler nicht (nur) im Kostüm herum: »Es passiert immer mal wieder, dass sich die Künstler zwischendurch etwas überwerfen – Bademantel bei längeren Pausen oder Trainingskleidung, um sich warm zu halten oder weil sie das Kostüm schützen wollen. Es wäre eine Katastrophe, wenn jemand plötzlich in seinem Bademantel oder in der Aufwärmhose auf der Bühne steht,« meint Ankleiderin Grit, die sowohl für Ballett- als auch Opernvorstellungen im Abenddienst vor und während der Vorstellung in der Damengarderobe arbeitet: »Da haben wir auch ein Auge drauf.«
Nur wenn genug Zeit ist, ziehen sich Sänger und Tänzer in der Garderobe um. Manche Umzüge finden direkt auf der Seitenbühne in extra aufgebauten Garderobenkabinen statt – oder es wird mithilfe eines Vorhangs ein Provisorium errichtet. Einer der schnellsten Umzüge des aktuellen Repertoires ist in Mozarts »Le Nozze di Figaro«: Nur 45 Sekunden bleiben der Sängerin der Susanna, um ein komplettes Kostüm zu wechseln. Dabei helfen ihr gleich mehrere Ankleiderinnen. Auch der Umzug der Odette im zweiten Akt von »Illusionen – wie Schwanensee« hat es in sich: Weniger als 90 Sekunden bleiben der Tänzerin der Odette, um sich von einer normalen Prinzessin in eine Schwanenprinzessin zu verwandeln – was ihr nur mit der Unterstützung von fünf Ankleiderinnen gelingt.

Ruhe vor der Vorstellung: Die Garderobenkabine auf der linken Seitenbühne. Die Kostüme der Damen-Gruppe in »Parzival«. Die Umzüge finden in einem Separée auf der Hinterbühne statt, wo auch die Kostüme bereitgestellt werden. © Andrea C. Röber
Dass sich zu einem Zeitpunkt so viele Mitarbeiterinnen um eine Tänzerin kümmern können, ist nicht immer möglich, denn obwohl in einigen Situationen beispielsweise eine Ankleiderin einer einzelnen Sängerin zugeteilt ist, ist das nicht allgemein übertragbar. Die wichtigsten Partien einer Oper haben eine persönliche Ankleiderin – eine Brünnhilde in Wagners »Götterdämmerung« ebenso wie eine Violetta in Puccinis »La Traviata«. Für eine Gruppe von 17 Chorsängerinnen sind aber in der Regel drei Ankleider vorgesehen. Das reicht natürlich in einigen Situationen nicht aus, dann helfen die Kolleginnen, die gerade weniger zu tun haben aus, weil beispielsweise »ihre« Solistin gerade Pause hat. »Bei jeder Produktion gibt es konzentrierte Krisenherde und danach richtet sich in etwa die Besetzung des Garderobenpersonals: Denn diese gilt es zu bewältigen. Pro Vorstellung finden durchschnittlich etwa drei Umzüge statt – für fast jeden der Beteiligten,« erklärt Grit. Mariana Zanotto, Solistin beim HAMBURG BALLETT, verwandelt sich beispielsweise als Tänzerin in der Gruppe bei »Parzival – Episoden und Echo« zuerst in einen schwarzen Vogel, dann in ein Hoffräulein und dann in einen weißen Vogel. Auch für die Gutrune in »Götterdämmerung« findet ein individuelles »Kostümcoaching« statt: Sie trägt in der Hamburger Produktion erst einen Anzug, dann ein weißes Etuikleid, dann ein bodenlanges Hochzeitskleid, schließlich ein schwarzes Etuikleid und zum Abschluss wieder ihr Brautkleid. Aufgrund der Inszenierung mit einer Drehbühne muss auch hier der letzte Umzug im Höchsttempo absolviert werden…
Beim Ballett ist das System aufgrund der größeren Bewegung und der durchschnittlich höheren Zahl der Künstler, die jeweils ihre Umzüge machen, flexibler. Meist sind es ganze Tänzergruppen, die gleichzeitig das Kostüm wechseln, dafür aber relativ viel Zeit haben. Einige Ankleider wiederum konzentrieren sich auf mehrere Hauptrollen. Die Flexibilität ermöglicht gleichzeitig, dass eben so viele Ankleiderinnen zu einem bestimmten Moment einer einzelnen Odette helfen. Zwischen einigen Umzügen ist für die Ankleiderinnen gelegentlich »Leerlauf«. Doch der nächste Umzug kommt bestimmt – daher wird die Zeit zum Beispiel für die Vorbereitung komplizierter oder besonders schneller Umzüge genutzt, wie den letzten der Gutrune in der »Götterdämmerung«. Grit bereitet alles präzise auf der Hinterbühne vor, damit die Sopranistin, die sich im Sprint nähert, schnell genug aus und wieder in ihr Kleid kommt. Da der weiße Seiden-Traum bis auf den Boden reicht, muss Grit dann gemeinsam mit ihrer Sängerin zurück zur Drehbühne laufen, damit beide – Gutrune und ihr Kleid – wieder sicher auf die Drehbühne zurückkommen.
Immer bereit für den Einsatz: Nadelkissen in der Warteschleife im Damensolo 1 und die Bügelstation im Damensolo 2. © Andrea C. Röber
Alternativ wird die Zeit zum Aufräumen, Waschen, Ausbessern und Bügeln genutzt. Die getragenen Kostüme werden in Schränke zurückgeordnet, sofern sie nicht gereinigt werden müssen. Die kleineren Teile wie die Unterwäsche in präzise bezeichnete Kistchen zum Waschen verstaut. Die Accessoires kommen in beschriftete Tütchen – damit nichts durcheinander gerät. Sonst würden versehentlich Perlen aus der »Götterdämmerung« beim Schmuck aus der »Traviata« eingeordnet, die am nächsten Tag gegeben wird. Im schlimmsten Fall wären sie dann unauffindbar, im günstigsten würde so ein Patzer für vermeidbare Panik sorgen. Es ist wichtig, dass alles zeitnah verstaut wird, denn bei am nächsten Abend arbeitet möglicherweise ein anderes Team in der Garderobe. Alles, was während der Vorstellung abgearbeitet wird, ist schließlich erledigt. Es ist fast immer eine Ankleiderin, die die Garderobe als Letzte verlässt.
Sicher verstaut für die nächste Vorstellung: Die Perlenkette der Gutrune in der »Götterdämmerung«, gesungen von Anna Gabler. © Andrea C. Röber
Damit im Fundus nichts durcheinander kommt, werden kleine Teile in Kisten verstaut, wie hier die Kopfbedeckungen und Accessoires für »Parzival – Episoden und Echo«. Auch kommende Vorstellungen werden während des Abends vorbereitet. Bei einer Vorstellung von »Parzival – Episoden und Echo« folge ich Sandra, Ankleiderin beim HAMBURG BALLETT, bei Ihrer abendlichen Tätigkeit. Ihre Aufgabe ist nicht nur der Dienst bei der laufenden Vorstellung. Eine Ruhephase zwischen zwei großen Umzügen nutzt sie, um ein Kostüm für Catherine Dumont anzupassen. Die Solistin hat ebenfalls eine Pause zwischen zwei Auftritten und so können beide Zeit sparen: Nadeln zum Abstecken, Maßband und Spiegel stehen in den Garderoben bereit. Bevor Catherine das Kostüm für ihren nächsten Auftritt anzieht, schlüpft sie einfach nur das für die nächste Vorstellung von »Parzival«, wenn sie ein Rollendebüt gibt: Herzeloyde, Parzivals Mutter, in einem Kleid mit Schleppe. »Bei einer Schleppe ist die Länge des Kleides für mich ganz entscheidend,« sagt Catherine. »Es darf nicht zu lang sein, denn die Schleppe allein erfordert beim Tanzen sehr viel Aufmerksamkeit. Wenn da noch ein zu langer Rocksaum stört, ist das mehr als hinderlich.« Also wird das Kleid weiter gekürzt – während unten auf der Bühne eine andere Herzeloyde ihre Vorstellung tanzt.
Etwas später treffe ich Barbara Huber, die das »Parzival«-Geschehen auf der Bühne beobachtet. Mir fällt auf, dass eine Tänzerin ihre Leggins anders trägt als die übrigen in der Gruppe: Sie sehen viel kürzer aus. Ich spreche Barbara deswegen an. »Habe ich auch schon gesehen. Das ist falsch,« sagt sie. »Während einer Vorstellung können wir da wenig machen. Idealerweise hätte das vor dem Auftritt auffallen sollen, aber manche Dinge werden erst sichtbar, wenn wir die Tänzer aus der Entfernung und in der Gruppe sehen. Meine Aufgabe ist es nun, die Tänzerin und die verantwortlichen Ankleider darauf aufmerksam zu machen. Damit nicht beim nächsten Mal zwei Tänzerinnen falsch sind, sondern wieder alle die korrekte Länge haben. Wir können Fehler nicht immer verhindern, aber wir können dafür sorgen, dass sie sich nicht wiederholen und vor allem nicht vervielfältigen. Sonst sieht ein Produktion schnell unschön aus.«
Als Garderobenmeisterin für das HAMBURG BALLETT hat Barbara ebenso wie ihre Kolleginnen Susann, Diana und Sandra, die als Ankleiderinnen fest dem Ballett zugeteilt sind, eine weitere Aufgabe: Die Gruppe begleitet die Compagnie regelmäßig auf ihre zahlreichen Gastspiele in alle Welt. Auch hier bleibt es natürlich nicht aus, dass Kolleginnen aus der Oper aushelfen – wie bei den Vorstellungen in Hamburg auch. Einige arbeiten ausschließlich für eine Sparte – wie Isabel Koschani und Barbara Huber. Andere, die Abenddienste übernehmen, machen sowohl Ballett als auch Oper. Dabei konzentrieren sie sich möglichst auf bestimmte Produktionen, denn jede hat ihre Besonderheiten. Zwar werden für jedes Stück inzwischen detaillierte Pläne aufgezeichnet. Sie geben eine Richtung vor, wer wann was wo erledigen muss, also auch wann die Umzüge stattfinden. Dennoch ist praktische Erfahrung mit einer Produktion unerlässlich, denn es gibt für jede Vorstellung immer nur eine Chance, alles richtig zu machen – damit die Ausstattung einer Produktion jeden Abend wieder perfekt ist, egal ob »Parzival – Episoden und Echo«, »Illusionen – wie Schwanensee« oder »Götterdämmerung«.
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