Ruhr.2010 – Herne-West gegen Lüdenscheid 2:1

„Haach de Klicker in’s Goal enei!“ – der Fußball-Bundesliga-Blog: 24. Spieltag, Derbyzeit

„Haach de Klicker in’s Goal enei!“, hat mein Trainer immer zu mir gesagt. So einfach ist Fußball. „Hau den Ball ins Tor hinein!“ Oder hat Ihrer statt dessen gesagt: „Damit Deine Performance das Publikum in den Bann zieht, musst Du Deine innere Zerrissenheit dem Zuschauer tänzerisch transparenter machen.“? Sicher nicht. Das erinnert eher an einen Ratschlag bei Theaterproben zu „Ruhr.2010“.

Essen und das Ruhrgebiet sind Europas Kulturhauptstadt 2010 (gemeinsam mit Pécs/Ungarn). Zwischen Wesel, Hamm, Hagen und Moers ziehen Skulpturen und Rauminstallationen, Festivals und Konzerte, Theater- und Opernaufführungen Millionen Kulturbegeisterte in ihren Bann. Monumentale Industriebauten, alte Zechen, Hüttenwerke, kurz, die sichtbaren Zeichen der ehemaligen Schwerindustrie, die diese Region und ihre Menschen so nachhaltig geprägt haben, bilden die Kulisse für ein spektakuläres, ganzjähriges Event.

Der Strukturwandel schreitet unaufhaltsam voran. Einst war das Ruhrgebiet der Motor für Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Kohleförderung und Eisenerzeugung drückten diesem Landstrich, mehr noch seinen Bewohnern den Stempel auf. 5,3 Millionen Menschen leben hier. Nicht in EINER Stadt, sondern in einem Wust von Haupt-, Vor- und Kleinstädten, ohne Stadtgrenzen, gewachsen nach den Bedürfnissen der Schwerindustrie. Wer diese Menschen kennenlernen will, MUSS an anderen Orten als den Kulturtempeln suchen. Der MUSS zum Fußball. HIER schlägt das Herz des Kohlenpotts.


Das Ruhrgebiet hat eine ganze Reihe bekannter Fußballvereine hervorgebracht. Rot-Weiß Essen, MSV Duisburg, Rot-Weiß Oberhausen, Wattenscheid 09, VfL Bochum. Sie alle hatten ihre großen Zeiten, sind untergegangen oder spielen noch heute in den beiden Bundesligen. Doch „DAS Revierderby“, das ist alleine Schalke 04 gegen Borussia Dortmund. Herne-West (S04) gegen die Zecken aus Lüdenscheid (BVB) – kein eingefleischter Fan würde den Namen des jeweils anderen in den Mund nehmen. Am 24. Spieltag war es wieder so weit.

Königsblau gegen Schwarz-Gelb ist kein Arm gegen Reich, kein Katholiken gegen Protestanten wie in Glasgows „Old Firm“. Entstanden ist die Rivalität in den 1950er-Jahren in den Zechen der Region. Beide Vereine haben ihre Wurzeln in den Arbeitervierteln, stehen sinnbildlich für Herz und Leidenschaft als Tugenden des „Ruhrpotts“. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Schalke (ein Stadtteil Gelsenkirchens) die unangefochtene Nummer 1. Spielte mit Ernst Kuzorra und Fritz Szepan den „Schalker Kreisel“, heute Neu-Deutsch „One Touch Football“. Doch nach dem Krieg trumpfte Dortmund auf. Seine sechs deutschen Meisterschaften holte die Borussia ab 1956. Schalke dagegen gewann seine letzte von sieben deutschen Meisterschaften 1958. Weshalb man vor zwei Jahren voll Freude in Dortmund „Schalke – 50 Jahre ohne Schale“ feierte.

Heutzutage verlieren Derbys vielfach an Bedeutung. Weniger bei den Fans auf Deutschlands größten Stehplatztribünen „Nordkurve“ (Schalke) und „Südtribüne“ (BVB), jedoch bei Spielern und Offiziellen. Zu viele andere wichtige Spiele, zu viele Spieler, die nicht aus der Region stammen. „Lieber Dortmund schlagen als deutscher Meister werden“, diesen Spruch würde Schalkes Trainer Felix Magath sicher nicht unterschreiben. Da freut es die Fanseele, wenn Spieler alte Feindbilder pflegen. So wie der 21-jährige geborene Dortmunder Kevin Großkreutz, der verlauten ließ: „Für kein Geld der Welt würde ich dort spielen. Schalker hasse ich wie die Pest. Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird – kommt er ins Heim.“ Schalkes Torwart Manuel Neuer, 22 Jahre alt und geboren in Gelsenkirchen, erwiderte: „Einige Spieler vom BVB haben meinen Ruf (im Hinspiel) beschädigt.“ Den wolle er wieder herstellen.

Nun, das gelang Neuer, auch wenn er und Großkreutz nicht die Hauptakteure des Spiels waren. Diese Rolle gebührte anderen. Nach einer höhepunktarmen ersten Halbzeit ging der BVB durch einen Elfmetertreffer von Sahin mit 1:0 in Führung. Nach dem Ausgleich von Höwedes knockte Dortmunds Torwart Weidenfeller den eigenen Verteidiger Mats Hummels bei einer unglücklichen Aktion aus. Kuranyi hatte Hummels in Weidenfellers Faust geschubst. Der musste mit gebrochenem Kiefer vom Feld. Ivan Rakitic nutzte die Unordnung in der Dortmunder Defensive zehn Minuten vor Schluss und erzielte durch einen eleganten Fernschuss das 2:1. Damit bleibt Borussia Dortmund seit 2007 ohne Derbysieg und Schalke erster Verfolger des Spitzenduos München und Leverkusen.

Bayer Leverkusen hat es geschafft. Endlich tragen sie nicht mehr die Bürde des Tabellenführers. Ein mageres 0:0 im rheinischen Duell (ein weiteres „Derby“) mit dem 1. FC Köln genügte, um die Last der Gejagten von Leverkusens Schultern zu nehmen. 11 Unentschieden, die meisten der Liga, langten für den Schritt zurück. Auch wenn die Leverkusener in allen 24 Saisonspielen ungeschlagen blieben – neuer Rekord –, mit dieser Flut an Punkteteilungen halten sie klaren Kurs auf die Vizemeisterschaft. Hat jemand mehr erwartet?

Bayern München übernahm erstmals seit dem 17. Mai 2008 wieder die Tabellenspitze in der Bundesliga. Dafür reichte ein 1:0 gegen den Hamburger SV im so genannten „Nord-Süd-Schlager“. Die Partie trägt diesen Namen, auch wenn sie kein „Derby“ ist, auf Grund der 1980er Jahre, als beide Teams sich heiße Duelle um die Meisterschaft lieferten. Der gestrige Sieg war der erste gegen den HSV in der heimischen Allianz-Arena. Franck Ribéry erlöste den Rekordmeister mit einem sehenswerten Schuss. Damit stehen die Bayern nach langer Aufholjagd endlich auf dem Platz, den sie für sich auch für das Saisonende reklamieren.

In die Kategorie „Derby“ gehört auch die Partie Hannover 96 gegen Wolfsburg. 1:0 gewann der Noch-Meister beim Noch-Erstligisten den niedersächsischen Nachbarschaftsvergleich. Noch!

Spieler des Tages war wie schon am letzten Wochenende der Stuttgarter Stürmer Cacau. Er erzielte beide Treffer beim 2:1 seines VfB gegen Frankfurt. In der Vorwoche hatte er viermal getroffen und unter der Woche gegen Barcelona in der Champions League ebenfalls das Tor beim 1:1 erzielt. So was nennt man einen Lauf.

Zurück ins Revier. Nach diesem Wochenende übernimmt die Kultur wieder das Zepter im Kohlenpott. Der Nordsternturm in Gelsenkirchen und das Dortmunder U spielen wieder die Hauptrollen (neben der Essener Zeche Zollverein natürlich). Im übrigen muss die Jury für die Vergabe des Kulturhauptstadttitels fußballbegeistert gewesen sein. Denn auch Istanbul ist in diesem Jahr Kulturhauptstadt und damit der Ort eines anderen großen Derbys: Galatasaray gegen Fenerbahce. Ganz sicher sagen da am 28. März beide Trainer: „Gegen DIE dürft ihr nie verlieren!“ und „Haach de Klicker in’s Goal enei!“

(Von Stefan Reichart)

Wie ist Ihre Meinung zur Bundesliga und zum Revierderby? Schreiben Sie uns doch einen Kommentar am Ende dieses Blogs.

For an english Bundesliga blog click here.

Lesen Sie mehr über das Ruhrgebiet und die Kulturhauptstadt Ruhr.2010:
http://www.magazine-deutschland.de/de/wirtschaft/kreativwirtschaft/artikelansicht/article/wandel-durch-kultur-das-revier-der-ideen.html

Die Ergebnisse des 24. Spieltags im Überblick:

FC Schalke 04   -  Borussia Dortmund  2:1

Bayer Leverkusen   -  1. FC Köln  0:0 

Bayern München   -  Hamburger SV  1:0 

Hannover 96   -  VfL Wolfsburg  0:1 

Hertha BSC Berlin  -  1899 Hoffenheim  0:2

1. FSV Mainz 05   -  Werder Bremen  1:2 

VfB Stuttgart   -  Eintracht Frankfurt  2:1  

Borussia Mönchengladbach   -  SC Freiburg  1:1 

VfL Bochum   -  1. FC Nürnberg  0:0

Tabelle:

1   Bayern München      52 P

2   Bayer Leverkusen     50 P

3   FC Schalke 04   48 P

4   Hamburger SV    40 P

5   Borussia Dortmund  39 P

6   Werder Bremen 38 P

7   Eintracht Frankfurt      35 P

8   VfB Stuttgart    34 P

9   1899 Hoffenheim    32 P

10   1. FSV Mainz 05 32 P

11   VfL Wolfsburg   31 P

12   Borussia Mönchengladbach    30 P

13   VfL Bochum    27 P

14   1. FC Köln   26 P

15   SC Freiburg   20 P

16   1. FC Nürnberg 18 P

17   Hannover 96     17 P

18   Hertha BSC Berlin  15 P

Bookmark and Share