Ich hasse St. Pauli nicht

Vierter Spieltag – Derby-Zeit. In Wolfsburg, Gelsenkirchen und Hamburg trafen benachbarte Klubs aufeinander. Besonders stach dabei das Hamburger Duell zwischen St. Pauli und dem HSV heraus. Nach 48 Jahren Pause trafen die beiden Stadtrivalen wieder im kleinen St. Pauli-Millerntor aufeinander. Alle Duelle dazwischen wurden immer ins größere Volksparkstadion des HSV verlegt.

Die Rivalität beider Vereine in Hamburg ist groß. Jeder Fan des einen kennt einen Nachbarn oder Arbeitskollegen vom anderen. Das Duell David Aufsteiger St. Pauli gegen Goliath Bundesligaurgestein HSV elektrisiert die Massen. Leider auch die Idioten. Fanüberfälle und Farbanschläge bestimmten die Berichterstattung vor dem Duell. Hooligangruppen beider Vereine sahen die Chance, sich auf großer Showbühne zu produzieren. Befeuert von Boulevardmedien, die nach Schlagzeilen lechzten. Die Polizei zeigte massive Präsenz.

Ich bin HSV-Fan. Einen Sieg über St. Pauli hätte ich richtig gefeiert. Doch ich lasse mich nicht vereinnahmen von Leuten, die das Derby zum Hassduell hochstilisieren und politisieren. Ich mag Hamburg und St. Pauli ist ein schöner Teil davon. Die Tradition beider Teams reicht weit zurück. Beide Vereine bereichern die Bundesliga und St. Pauli ist mir tausendmal lieber als Retortenvereine á la Hoffenheim oder Red Bull Leipzig. Als St. Pauli 2003 vor dem Konkurs stand, habe auch ich ein Retter-T-Shirt gekauft und so die Braun-Weißen unterstützt. Ich wollte weiter das Derby.

Das Duell 2010 ging unentschieden 1:1 aus. Lange Zeit von Taktik geprägt, nahm die Partie erst in der Schlussviertelstunde Fahrt auf. Treffer von Boll und Petric markierten den Endstand. Ein gerechtes Ergebnis, das St. Pauli mehr nutzt als dem HSV, der höhere Ansprüche hat. Doch bei all dem Wirrwarr ums Derby ein “befriedendes” Ergebnis.

Brisant war es auch in Gelsenkirchen. Schalke 04 traf auf den Ruhrrivalen Borussia Dortmund. Hass blieb draußen. Doch die Rivalität war natürlich groß. Und die Schadenfreude wird bei den Dortmundern noch größer sein. Sie schossen den Nachbarn mit einem 3:1-Sieg auf den letzten Tabellenplatz. Vier Spiele, vier Niederlagen – Schalke bekommt einfach nicht seine Abwehrprobleme in den Griff. Der Austausch des gesamten letztjährigen Abwehrverbunds war ein Fehler von Trainer Felix Magath. Seine Offensiveinkäufe machen den Defensivmangel nicht wett. Dortmunds Regisseur Shinji Kagawa marschierte freudig durch die Schalker Abwehrreihen und erzielte zwei Treffer.

Das dritte Derby des Spieltags zwischen Wolfsburg und Hannover interessiert außerorts wenige. Da es auch kein Spiel war, das einem lange in Erinnerung bleiben sollte, hier die Chronistenpflicht: 2:0. Interessanter war es da in Stuttgart. 7:0 (!!!) gewinnt der VfB gegen Borussia Mönchengladbach. Desolate Gladbacher holten sich nach dem 0:4 letzte Woche gegen Frankfurt die nächste Packung ab. Gladbachs Sportdirektor Eberl fasste zusammen: “Vor dem Spielen kommt das Kämpfen. Wer das vergisst, hat keine Chance.” Meine Meinung: Nach dem Spielen kommt das Bezahlen. Und wer zahlt am Ende die Zeche? Der Trainer. Michael Frontzeck, bye, bye!

Und sonst? Mainz 05 ist Tabellenführer. Mainz? Die spielen mit? All zu oft hat der Kleinverein noch nicht seinen Kopf aus der Masse der grauen Ligamäuse herausgestreckt. Doch im Moment tut er dies mit Jungspunden wie Lewis Holtby und Andre Schürrle. Vier Spiele, vier Siege. Erfreut Euch daran, liebe Mainzer, nächste Saison ist der Spaß vorbei. Holtby ist nur ausgeliehen von Schalke und Schürrle wechselt dann für elf Millionen Euro nach Leverkusen. Außerdem? Bayern München wartet auf den Erlöser. Wie im letzten Jahr. Schwacher Start, dann kam Neueinkauf Arjen Robben und schoss die Bayern nach vorn. Diese Saison ist er verletzt. Trainer Louis van Gaal erwartet Robbens Rückkehr sehnsüchtig, nach dem 0:0 gegen limitierte Kölner.

(Stefan Reichart)

Die Ergebnisse des 4. Spieltags:
Eintracht Frankfurt – SC Freiburg 0:1
Bayern München – 1. FC Köln 0:0
Werder Bremen – 1. FSV Mainz 05 0:2
VfB Stuttgart – Borussia M’gladbach 7:0
VfL Wolfsburg – Hannover 96 2:0
1. FC Kaiserslautern – 1899 Hoffenheim 2:2
FC St. Pauli – Hamburger SV 1:1
FC Schalke 04 – Borussia Dortmund 1:3
Bayer Leverkusen – 1. FC Nürnberg 0:0

Tabelle
1 1. FSV Mainz 05 12 P
2 1899 Hoffenheim 10 P
3 Borussia Dortmund 9 P
4 SC Freiburg 9 P
5 Hamburger SV 8 P
6 1. FC Kaiserslautern 7 P
7 Hannover 96 7 P
8 Bayer Leverkusen 5 P
9 Bayern München 5 P
10 FC St. Pauli 4 P
11 Werder Bremen 4 P
12 1. FC Köln 4 P
13 Borussia M’gladbach 4 P
14 VfB Stuttgart 3 P
15 Eintracht Frankfurt 3 P
16 1. FC Nürnberg 3 P
17 VfL Wolfsburg 3 P
18 FC Schalke 04 0 P

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Ruhr.2010 – Herne-West gegen Lüdenscheid 2:1

„Haach de Klicker in’s Goal enei!“ – der Fußball-Bundesliga-Blog: 24. Spieltag, Derbyzeit

„Haach de Klicker in’s Goal enei!“, hat mein Trainer immer zu mir gesagt. So einfach ist Fußball. „Hau den Ball ins Tor hinein!“ Oder hat Ihrer statt dessen gesagt: „Damit Deine Performance das Publikum in den Bann zieht, musst Du Deine innere Zerrissenheit dem Zuschauer tänzerisch transparenter machen.“? Sicher nicht. Das erinnert eher an einen Ratschlag bei Theaterproben zu „Ruhr.2010“.

Essen und das Ruhrgebiet sind Europas Kulturhauptstadt 2010 (gemeinsam mit Pécs/Ungarn). Zwischen Wesel, Hamm, Hagen und Moers ziehen Skulpturen und Rauminstallationen, Festivals und Konzerte, Theater- und Opernaufführungen Millionen Kulturbegeisterte in ihren Bann. Monumentale Industriebauten, alte Zechen, Hüttenwerke, kurz, die sichtbaren Zeichen der ehemaligen Schwerindustrie, die diese Region und ihre Menschen so nachhaltig geprägt haben, bilden die Kulisse für ein spektakuläres, ganzjähriges Event.

Der Strukturwandel schreitet unaufhaltsam voran. Einst war das Ruhrgebiet der Motor für Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Kohleförderung und Eisenerzeugung drückten diesem Landstrich, mehr noch seinen Bewohnern den Stempel auf. 5,3 Millionen Menschen leben hier. Nicht in EINER Stadt, sondern in einem Wust von Haupt-, Vor- und Kleinstädten, ohne Stadtgrenzen, gewachsen nach den Bedürfnissen der Schwerindustrie. Wer diese Menschen kennenlernen will, MUSS an anderen Orten als den Kulturtempeln suchen. Der MUSS zum Fußball. HIER schlägt das Herz des Kohlenpotts.


Das Ruhrgebiet hat eine ganze Reihe bekannter Fußballvereine hervorgebracht. Rot-Weiß Essen, MSV Duisburg, Rot-Weiß Oberhausen, Wattenscheid 09, VfL Bochum. Sie alle hatten ihre großen Zeiten, sind untergegangen oder spielen noch heute in den beiden Bundesligen. Doch „DAS Revierderby“, das ist alleine Schalke 04 gegen Borussia Dortmund. Herne-West (S04) gegen die Zecken aus Lüdenscheid (BVB) – kein eingefleischter Fan würde den Namen des jeweils anderen in den Mund nehmen. Am 24. Spieltag war es wieder so weit.

Königsblau gegen Schwarz-Gelb ist kein Arm gegen Reich, kein Katholiken gegen Protestanten wie in Glasgows „Old Firm“. Entstanden ist die Rivalität in den 1950er-Jahren in den Zechen der Region. Beide Vereine haben ihre Wurzeln in den Arbeitervierteln, stehen sinnbildlich für Herz und Leidenschaft als Tugenden des „Ruhrpotts“. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Schalke (ein Stadtteil Gelsenkirchens) die unangefochtene Nummer 1. Spielte mit Ernst Kuzorra und Fritz Szepan den „Schalker Kreisel“, heute Neu-Deutsch „One Touch Football“. Doch nach dem Krieg trumpfte Dortmund auf. Seine sechs deutschen Meisterschaften holte die Borussia ab 1956. Schalke dagegen gewann seine letzte von sieben deutschen Meisterschaften 1958. Weshalb man vor zwei Jahren voll Freude in Dortmund „Schalke – 50 Jahre ohne Schale“ feierte.

Heutzutage verlieren Derbys vielfach an Bedeutung. Weniger bei den Fans auf Deutschlands größten Stehplatztribünen „Nordkurve“ (Schalke) und „Südtribüne“ (BVB), jedoch bei Spielern und Offiziellen. Zu viele andere wichtige Spiele, zu viele Spieler, die nicht aus der Region stammen. „Lieber Dortmund schlagen als deutscher Meister werden“, diesen Spruch würde Schalkes Trainer Felix Magath sicher nicht unterschreiben. Da freut es die Fanseele, wenn Spieler alte Feindbilder pflegen. So wie der 21-jährige geborene Dortmunder Kevin Großkreutz, der verlauten ließ: „Für kein Geld der Welt würde ich dort spielen. Schalker hasse ich wie die Pest. Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird – kommt er ins Heim.“ Schalkes Torwart Manuel Neuer, 22 Jahre alt und geboren in Gelsenkirchen, erwiderte: „Einige Spieler vom BVB haben meinen Ruf (im Hinspiel) beschädigt.“ Den wolle er wieder herstellen.

Nun, das gelang Neuer, auch wenn er und Großkreutz nicht die Hauptakteure des Spiels waren. Diese Rolle gebührte anderen. Nach einer höhepunktarmen ersten Halbzeit ging der BVB durch einen Elfmetertreffer von Sahin mit 1:0 in Führung. Nach dem Ausgleich von Höwedes knockte Dortmunds Torwart Weidenfeller den eigenen Verteidiger Mats Hummels bei einer unglücklichen Aktion aus. Kuranyi hatte Hummels in Weidenfellers Faust geschubst. Der musste mit gebrochenem Kiefer vom Feld. Ivan Rakitic nutzte die Unordnung in der Dortmunder Defensive zehn Minuten vor Schluss und erzielte durch einen eleganten Fernschuss das 2:1. Damit bleibt Borussia Dortmund seit 2007 ohne Derbysieg und Schalke erster Verfolger des Spitzenduos München und Leverkusen.

Bayer Leverkusen hat es geschafft. Endlich tragen sie nicht mehr die Bürde des Tabellenführers. Ein mageres 0:0 im rheinischen Duell (ein weiteres „Derby“) mit dem 1. FC Köln genügte, um die Last der Gejagten von Leverkusens Schultern zu nehmen. 11 Unentschieden, die meisten der Liga, langten für den Schritt zurück. Auch wenn die Leverkusener in allen 24 Saisonspielen ungeschlagen blieben – neuer Rekord –, mit dieser Flut an Punkteteilungen halten sie klaren Kurs auf die Vizemeisterschaft. Hat jemand mehr erwartet?

Bayern München übernahm erstmals seit dem 17. Mai 2008 wieder die Tabellenspitze in der Bundesliga. Dafür reichte ein 1:0 gegen den Hamburger SV im so genannten „Nord-Süd-Schlager“. Die Partie trägt diesen Namen, auch wenn sie kein „Derby“ ist, auf Grund der 1980er Jahre, als beide Teams sich heiße Duelle um die Meisterschaft lieferten. Der gestrige Sieg war der erste gegen den HSV in der heimischen Allianz-Arena. Franck Ribéry erlöste den Rekordmeister mit einem sehenswerten Schuss. Damit stehen die Bayern nach langer Aufholjagd endlich auf dem Platz, den sie für sich auch für das Saisonende reklamieren.

In die Kategorie „Derby“ gehört auch die Partie Hannover 96 gegen Wolfsburg. 1:0 gewann der Noch-Meister beim Noch-Erstligisten den niedersächsischen Nachbarschaftsvergleich. Noch!

Spieler des Tages war wie schon am letzten Wochenende der Stuttgarter Stürmer Cacau. Er erzielte beide Treffer beim 2:1 seines VfB gegen Frankfurt. In der Vorwoche hatte er viermal getroffen und unter der Woche gegen Barcelona in der Champions League ebenfalls das Tor beim 1:1 erzielt. So was nennt man einen Lauf.

Zurück ins Revier. Nach diesem Wochenende übernimmt die Kultur wieder das Zepter im Kohlenpott. Der Nordsternturm in Gelsenkirchen und das Dortmunder U spielen wieder die Hauptrollen (neben der Essener Zeche Zollverein natürlich). Im übrigen muss die Jury für die Vergabe des Kulturhauptstadttitels fußballbegeistert gewesen sein. Denn auch Istanbul ist in diesem Jahr Kulturhauptstadt und damit der Ort eines anderen großen Derbys: Galatasaray gegen Fenerbahce. Ganz sicher sagen da am 28. März beide Trainer: „Gegen DIE dürft ihr nie verlieren!“ und „Haach de Klicker in’s Goal enei!“

(Von Stefan Reichart)

Wie ist Ihre Meinung zur Bundesliga und zum Revierderby? Schreiben Sie uns doch einen Kommentar am Ende dieses Blogs.

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Lesen Sie mehr über das Ruhrgebiet und die Kulturhauptstadt Ruhr.2010:
http://www.magazine-deutschland.de/de/wirtschaft/kreativwirtschaft/artikelansicht/article/wandel-durch-kultur-das-revier-der-ideen.html

Die Ergebnisse des 24. Spieltags im Überblick:

FC Schalke 04   -  Borussia Dortmund  2:1

Bayer Leverkusen   -  1. FC Köln  0:0 

Bayern München   -  Hamburger SV  1:0 

Hannover 96   -  VfL Wolfsburg  0:1 

Hertha BSC Berlin  -  1899 Hoffenheim  0:2

1. FSV Mainz 05   -  Werder Bremen  1:2 

VfB Stuttgart   -  Eintracht Frankfurt  2:1  

Borussia Mönchengladbach   -  SC Freiburg  1:1 

VfL Bochum   -  1. FC Nürnberg  0:0

Tabelle:

1   Bayern München      52 P

2   Bayer Leverkusen     50 P

3   FC Schalke 04   48 P

4   Hamburger SV    40 P

5   Borussia Dortmund  39 P

6   Werder Bremen 38 P

7   Eintracht Frankfurt      35 P

8   VfB Stuttgart    34 P

9   1899 Hoffenheim    32 P

10   1. FSV Mainz 05 32 P

11   VfL Wolfsburg   31 P

12   Borussia Mönchengladbach    30 P

13   VfL Bochum    27 P

14   1. FC Köln   26 P

15   SC Freiburg   20 P

16   1. FC Nürnberg 18 P

17   Hannover 96     17 P

18   Hertha BSC Berlin  15 P

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